65 Jahre Einwanderung aus der Türkei: (M)Eine Geschichte zu „Türkdanış“

Mit weiblichem Blick schaue ich heute aus gegebenem Anlass zurück und erzähle gern aus meiner Sicht, wie alles begann.

26 Jahre lang war ich mit Herz und Überzeugung als Türkdanış in der Metropolregion Nürnberg hauptamtlich tätig. Als das Konzept der Beratungsstellen grundlegend verändert werden sollte, beendete ich meine Arbeit. Seitdem berate ich bei Bedarf ehrenamtlich bis heute – ob in der U-Bahn, auf der Straße und einfach da, wo meine Landsleute mich zufällig treffen. Es ist ihnen egal, dass ich bereits gekündigt habe oder nicht.

Der Begriff „Türk Danış“ bedeutet wörtlich übersetzt etwa: „Türke, informiere dich“ oder „Lass dich beraten“. Mit der Zeit wurde daraus ein einziges Wort: Türkdanış. Es entwickelte sich bundesweit zum Synonym für Beratung, Beraterinnen und Berater sowie Beratungsstellen für Menschen aus der Türkei.

Vor 65 Jahren, am 30. Oktober 1961, wurde der Anwerbevertrag zwischen Deutschland und der Türkei unterschrieben. Die ersten Menschen kamen aus der Türkei als angeworbene Arbeitskräfte nach Deutschland. Vor ihrer Ausreise wurden sie in Istanbul von deutschen Ärzten gründlich untersucht. Sie mussten gesund und in der Regel unter 30 Jahre alt sein.

Bei der Anwerbung wurden zunächst Frauen bevorzugt. Der Grund war wirtschaftlicher Natur: Ihre feineren Finger galten als besonders geeignet für bestimmte Tätigkeiten in der Industrie. Gleichzeitig wurden sie den niedrigeren Lohngruppen zugeordnet und verdienten weniger als Männer. Türkische Männer in den Familien haben diesen Vorzug der Frauen nicht verstanden, sie waren verdutzt.

Die angeworbenen Arbeitskräfte wurden als „Gastarbeiter, Gastarbeiterin“ bezeichnet. Diese Bezeichnung war gerade den türkischen Menschen auch unverständlich, weil man in der Türkei Gäste niemals arbeiten lassen würde.

Im Juni 1962 wurde die soziale Betreuung der sogenannten Gastarbeiter bundesweit auf die Wohlfahrtsverbände verteilt – entsprechend ihrer religiösen Konfession Zugehörigkeit. Die Caritas übernahm die Betreuung katholischer Arbeitskräfte aus Italien, Spanien und Portugal. Die Innere Mission war für orthodoxe Griechen und einen Teil der Menschen aus Jugoslawien zuständig. Die Arbeiterwohlfahrt (AWO) betreute als konfessionell unabhängiger Verband muslimische Arbeitskräfte aus der Türkei sowie aus Jugoslawien, Tunesien, Marokko und weiteren afrikanischen Ländern.

Unsere Klientinnen und Klienten kamen aus unterschiedlichen Regionen der Türkei, gehörten verschiedenen ethnischen und religiösen Gruppen an und unterschieden sich in ihrer sozialen Herkunft und ihren Lebensvorstellungen. Sie stellten zugleich die größte Gruppe der damaligen Gastarbeiter.

Man hat heute vergessen, dass damals „Integration“ ein Ausweisungsgrund gewesen wäre mit der Begründung, Deutschland ist kein Einwanderungsland.

Für unsere Arbeit standen uns Büros mit Telefon, Schreibmaschinen und Dienstwagen zur Verfügung. Wir waren die Verbindung zwischen den Menschen und ihrer neuen Lebenswelt in Deutschland. Da waren noch Konsulate sowie Arbeits-, Handels- und Religionsattachés der Türkei für die Angelegenheiten in der Türkei. Allerdings nur in wenigen Großstädten wie Berlin, Frankfurt, Köln, München und Nürnberg.

Die Aufgaben eines Türkdanış gingen weit über klassische Sozialberatung hinaus. Wir waren Berater, Dolmetscher, Vermittler, Ansprechpartner für Behörden, Schulen und Arbeitgeber – oft auch Vertrauensperson, Krisenhelfer und Brückenbauer zwischen zwei Kulturen.

Täglich kamen viele Menschen, mit Einkaufstaschen voller ungeöffneter Briefe in unsere Beratungsstellen – nicht nur Schreiben von Behörden, sondern sämtliche Post, die sie nicht lesen oder verstehen konnten.

Für sie war Türkdanış die erste Anlaufstelle in allen Fragen des Alltags, selbst eheliche Streitigkeiten...etc. Viele soziale Projekte in Bezug auf Frauen wurden mit Türkdanis zusammen entwickelt.

Eine wichtige Informationsquelle für unsere Landsleute war damals die WDR-Radiosendung „Türkdanış beantwortet Ihre Fragen“ (Türkdanış sorularınıza cevap veriyor) In mehreren Sprachen informierte sie die verschiedenen Gastarbeitergruppen, über wichtige Entwicklungen in Deutschland und in ihren Herkunftsländern. Zusammen mit den türkischen Tageszeitungen, die an Bahnhofskiosken verkauft wurden, bildete sie für viele Menschen die wichtigste Verbindung zur Heimat.

Türkdanış-Beratungsstellen entstanden in nahezu allen größeren deutschen Städten. Finanziert wurden sie gemeinsam von Bund und Ländern. Sie wurden über Jahrzehnte zu einer unverzichtbaren Brücke zwischen den eingewanderten Menschen und der deutschen Gesellschaft.

Nun sind wir in der 4.Generation hier und haben Wurzeln geschlagen.

G. Suzan-Menzel

Vorstandsvorsitzende des DTFC

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